HOMMAGE

Auch sie waren einmal Newcomer: Mit unserer HOMMAGE ehren wir große internationale Persönlichkeiten der Filmbranche.

Alles Neue hat seine Wurzeln in der Filmgeschichte, die von Vorgänger*innen geschrieben wurde. Diese Vorgänger*innen gemeinsam mit Euch wiederzuentdecken oder neu kennenzulernen ist das Ziel unserer Hommage. Sie würdigt die Verdienste herausragender Filmschaffender, Meister*innen ihres Fachs.

Die Geehrten erlauben uns in frei zugänglichen Gesprächsrunden Einblicke in ihr Werk und berichten von ihrem Werdegang und den Hintergründen ihrer kinematographischen Visionen.

HOMMAGE 2026: Schauspielerin Trine Dyrholm

Das 75. IFFMH widmet die Hommage seiner Jubiläumsausgabe einer der herausragenden Schauspielerinnen Europas. In über 80 Produktionen hat sie in den vergangenen drei Jahrzehnten zahlreiche Frauenfiguren geschaffen, die sich uns unauslöschlich eingebrannt haben. Bühne frei für Trine Dyrholm!

Annika verliert sich in ihrer Beziehung zu einem Mann, der wegen Vergewaltigung im Gefängnis war; Anna lebt in einer Kommune mit der Affäre ihres Mannes zusammen; Anne beginnt, mit ihrem 16-jährigen Stiefsohn zu schlafen. Es sind drei Rollen, die jede für sich und untereinander Ausweis der ungeheuren Wandlungsfähigkeit von Trine Dyrholm sind. Drei Rollen, die aber zugleich charakteristische Verbindungslinien im Schaffen der großen dänischen Schauspielerin erkennen lassen.

Dabei nehmen diese drei Figuren vielleicht schon mit Dyrholms allererster Rolle vor der Kamera ihren Anfang: Als Teenagerin Pauline in ›Springflut‹ (1990) verliebt sie sich in einen jungen Mann, den ihre Eltern als Pflegekind aufgenommen haben, und bekommt am Ende ein Kind von ihm. All diesen Frauen jedenfalls ist gemein, dass sie sich auf Affären einlassen, die mit den Worten unkonventionell oder kontrovers noch harmlos beschrieben wäre. Aber egal, ob diese Beziehungen glücklich enden oder im Desaster – am Ende von emotional ambivalenten, moralisch nie eindeutigen Reisen handelt jeder dieser Filme davon, dass erst eine Liebe jenseits aller Konventionen Dyrholms hochkomplexen Figuren das eigene Innenleben offenbart. Der Mut, sich solchen Figuren völlig hinzugeben, tiefe Schuld nicht im Verdrängten zu belassen und in Abgründe weit hineinzublicken, ist schon lange stilbestimmend für das dänische Kino. Die Initialzündung dafür war das Jahr 1995, als das Medium seinen 100. Geburtstag feierte und zwei junge Dänen (Lars von Trier und Thomas Vinterberg) mit Dogma 95 eine Bewegung gründeten, die dem Film in sein zweites Jahrhundert hineinhelfen sollte. 1995 war aber auch das Jahr, in dem Trine Dyrholm, die zuvor schon eine Karriere als Musikerin gehabt hatte, ihre Ausbildung an der staatlichen Schauspielschule abschloss. Mit ihrer Rolle in ›Das Fest‹ (1998) von Vinterberg, dem legendären Urknall eines bekenntnishaft radikalen, immer wieder auch sehr provokanten dänischen Kinos, legte sie den Grundstein für ihre Karriere. (Dass der Einfluss des Films bis heute nachwirkt, zeigt nicht zuletzt unser diesjähriger Wettbewerbsbeitrag ›The Guest‹.)

Schon wenig später - im Jahr 2002 - war Trine Dyrholm erstmals beim IFFMH zu Gast, als Mitglied der Internationalen Jury. Und im selben Jahr begann mit ›Bungalow‹ von Ulrich Köhler auch die Reihe von Filmen, die sie in Deutschland gedreht hat. (Zu ihnen gehörten 2013 dann ›3096 Tage‹ von Sherry Hormann, sowie ›The Cut‹ von Fatih Akin und ›Who Am I – Kein System ist sicher‹ von Baran bo Odar, beide 2014.)

Auf dem heimischen Boden blieb die Bedeutung der Dogma 95-Filme für das dänische Kino jahrelang immens. Zugleich aber handelte es sich um eine stark männliche Bewegung, und ihre Gründer nannten sich Brethren (Brüder). Insbesondere vor diesem Hintergrund gehört es zu den erstaunlichen
Besonderheiten von Trine Dyrholms Biografie, dass es ihr gelang, einen erheblichen Teil ihrer Filme kontinuierlich unter weiblicher Regie zu realisieren. Mit Pernille Fischer Christensen hat sie nach ›En soap‹ (2006) noch dreimal gearbeitet, und außerdem mit Regisseurinnen wie Annette K. Olesen (›In deinen Händen‹, 2004), Susanne Bier (›In einer besseren Welt‹, 2010 und ›Love Is All You Need‹, 2012), May el-Thoukhy (›Lang historie kort‹, 2015), Susanna Nicchiarelli (›Nico, 1998‹, 2017) und Charlotte Sieling (›Die Königin des Nordens‹, 2021).

Die in wiederkehrenden Allianzen gemeinsam erarbeiteten Frauenfiguren – ungewöhnlich, intellektuell ambivalent und voll roher Emotionen – gehören zweifellos zu den aufregendsten, die das europäische Kino der letzten Jahrzehnte hervorgebracht hat.

Welcome back, Trine Dyrholm!

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